Was die Presse über über die Thermik schrieb:

Stuttgarter Zeitung

Wenn das Leben am seidenen Segel hängt

Der Rekordpilot Mike Küng

BÖBLINGEN. Wenige Piloten bringen es mit ihren Künsten so weit, dass sie um Autogramme gebeten werden. Der Österreicher Mike Küng hat es geschafft: Im April überquerte er als erster Gleitschirmpilot den Ärmelkanal. Am Samstag war er auf der Thermikmesse in Böblingen.

Von Anja Tröster

Die Gleitschirmflieger, so scheint es, sind die Surfer der Lüfte. Braungebrannt, sonnengebleichte Haare und lässige Sportkleidung kennzeichnen die Insider auf der neunten Thermikmesse in Böblingen, der einzigen deutschen Messe für Gleitschirm- und Drachenpiloten sowie Fallschirmspringer. Wie sieht dann erst ein Rekordpilot aus?
Nicht so verwegen wie die meisten Besucher der Thermikmesse. Disziplin und Seriosität sind dem 36-jährigen Rekordpiloten Mike Küng wichtig. Und so tritt er auch auf: sparsame Gestik, volle Konzentration. Während sich im Saal nebenan ein amerikanischer Pionier der Gleitschirmfliegerei zum "legendären Vogelmenschen" hochstilisiert, berichtet Küng vor vollem Haus von seinen Rekorden, und kommt ohne Pathos aus.
Im Mai des vergangenen Jahres hat er als erster Gleitschirmpilot ohne einen Motor den Ärmelkanal überquert. Am 30. April ist er in 10 100 Meter aus einem Ballon abgesprungen und hat seinen eigenen Höhenrekord von 2001 überboten. Kurz zuvor war er als erster Pilot aus der Zugspitzbahn gesprungen. Kein Wunder, dass der Tollkühne immer öfter als Publikumsmagnet bei großen Sportereignissen gebucht wird. Im August präsentierte er seine "Acro-Show" auf der Berliner Luftfahrtmesse, im Februar 2003 beim Skiweltcup in Garmisch.
All seine Abenteuer, darauf legt er Wert, sind angemeldet und mit den Behörden abgesprochen. Spontane, illegale Sprünge von Brücken sind seine Sache nicht. Stattdessen spricht er gerne davon, wie viel Planung jedes Abenteuer erfordert. Die größte Anstrengung, sagt Küng, sei nicht der Rekordflug selbst, sondern die Bürokratie zuvor.
Immerhin hat er es inzwischen so weit gebracht, dass er von seinen extremen Abenteuern leben kann - oder genauer gesagt, von ihrer professionellen Vermarktung. Zwar hat er noch einen Zweitjob als Testpilot beim Deutschen Hängegleiter-Verband. Doch der beansprucht nur noch ein Drittel seiner Zeit. Den Rest kann er sich frei einteilen. Und da Küng ungebunden ist, kann er seine Leidenschaft ungehemmt ausleben. 800 bis 1000 Sprünge pro Jahr absolviert er. Die nötige Fitness für Belastungen bis zum Fünffachen der Schwerkraft erarbeitet er sich beim Bergsteigen. Joggen, sagt Küng, sei ihm zu dröge.
Ein schwerer Unfall ist ihm bisher erspart geblieben - vielleicht auf Grund seiner Disziplin. "Sagen wir, es gab lehrreiche Begebenheiten", sagt der Mann aus dem Montafon, dessen Bekanntheit in Österreich mittlerweile an die des Stuntmans Felix Baumgartner heranreicht. Baumgartner hatte im August letzten Jahres den Ärmelkanal mit speziellen Gleitflügeln überquert.
Am Ziel seiner Träume ist Mike Küng aber trotz allem noch nicht. Im Moment hat er vier Projekte in Planung. Eines davon, ein Sprung aus der Kitzbühelbahn, ist soeben abgelehnt worden. Zum Glück nicht jenes, das ihm in diesen Tagen am meisten am Herzen liegt: ein Sprung kopfüber von einer hohen Brücke - welche, das sagt er nicht.
Auf der Thermikmesse wird Küng immer wieder um Autogramme gebeten. Vielen gilt er als womöglich bester Pilot der Welt. Ihm selbst ist die in sich geschlossene Szene manchmal zu eng. Er würde gerne neue Leute für seinen Sport begeistern - denn das, sagt er, werde bislang versäumt.

Stuttgarter Zeitung

 

Die Flüge am Messetisch sind nicht die schlechtesten

Neuer Besucherrekord bei der Gleitschirm-und-Drachenflieger-Messe Thermik, wo man sich Tipps rund ums Kitesurfen holen konnte

BÖBLINGEN. Seit zwei Jahren ist das Kitesurfen ein Thema unter den Flugsportlern, dieses Jahr war es erneut das Topthema schlechthin bei der Flugsportmesse Thermik. Sie lockte am Samstag 2500 Besucher - so viele wie noch nie - in die Böblinger Sporthalle.
Von Anja Tröster
Auf den neuen Rekord sind die Veranstalter Ronny Kirschner und Jürgen und Ulrike Häffner vor allem deshalb stolz, weil der eigentliche Boom in den beiden Flugsportarten längst vorbei ist. "Die Zeiten, da zigtausende Schüler durch die Kurse geschleust wurden, sind vorbei", sagt Ronny Kirschner, früher selbst als Fluglehrer tätig.
Stattdessen differenziert sich das Angebot, der Nachfrage folgend, immer mehr aus. Aus den Wanderern, die in die Lüfte gingen, werden Trendsportler. Kitesurfen heißt die neueste Droge: Von einem Drachen gezogen, wird mit einem Brett übers Wasser, mit Skiern über den Schnee oder mit kleinen Wägelchen übers Gelände geheizt. Bei dem Trendsport treffen sich zwei Welten, die zuvor nicht allzu viel miteinander zu tun hatten: die Wasser- und die Luftsportler. Wie in der Snowboardszene gibt es hier zwei Varianten. Die einen bevorzugen einen Drachen mit fixem Profil, die anderen einen so genannten soften.
Auf der Messe gab es am Samstag, dem Trend entsprechend, nicht nur die neuesten Filme der Szene zu sehen, "frisch vom Festival in Frankreich", wie Ronny Kirschner betont. Fluglehrer erklärten im Vortragsseparée der Halle auch gleich, was zu beachten ist, wenn man vom normalen Flugsport aufs Kitesurfen umsteigt. Wenn man denn überhaupt umsteigen will - so mancher Süchtige sucht einfach nach einer Möglichkeit, auch noch die letzte Wetterlage sportlich auszuschöpfen.
Der zweite Publikumsmagnet war das inzwischen auch vielen Laien durch die Medien bekannte Flyke, eine Art Kreuzung aus Fahrrad und Trike. Es kommt dem unbändigen Unabhängigkeitsbedürfnis der Gleitschirmflieger noch mehr entgegen als die bisherigen Tüfteleien. Mit diesem Gerät ist der Pilot endgültig nicht mehr daran gebunden, wieder dort zu landen, wo sein Startplatz war und das Auto steht. Stattdessen kann er sonstwo landen und den Rest der Strecke als Radfahrer zurücklegen. Den Propeller anschmeißen, wenn es zu steil wird, gilt allerdings nicht nur als unsportlich. Es ist sogar regelrecht verboten. Trotzdem genießt das Gerät bereits Kultstatus, vielleicht weil man damit endlich auch Außenstehenden nicht mehr erklären muss, was am Fliegen eigentlich sportliche Leistung ist.
Allerdings ist die Messe nicht nur Umschlagplatz für Fluggeräte und sportliche Accessoires, sondern vor allem für Tipps und Nachrichten. "Wer schon länger fliegt, kommt nicht ungeschoren durch die Halle", sagt Häffner. Allenthalben begrüßen sich alte Fliegerfreunde - vor allem am Stand der Flugschule Andelsbuch, die ihren Gästen Bergkäse und Schnaps gratis serviert. Der Bregenzerwald ist eines der beliebtesten Fluggebiete der Stuttgarter, der guten Thermik und Erreichbarkeit wegen. Und vielleicht auch wegen des Schnapses.

Nächster Termin: 4. Dezember 2004

Stuttgarter Zeitung 2003

Für 4000 Euro gibt es den Propeller auf dem Rücken
Gleitschirm- und Drachenflieger behelfen sich mit Motor

BÖBLINGEN. Die Thermik-Messe hat sich in Böblingen etabliert. Zum achten Mal haben Hersteller ihr Fluggerät angeboten und Flugschulen für sich geworben. Ein Gleitschirmabsprung konnte wegen des Wetters nicht stattfinden.
Von Martin Reinkowski
Mike Küng trägt den Spitznamen Mad, aber so verrückt ist er nun auch wieder nicht. Weil nachmittags über dem Böblinger Baumoval leichter Nebel aufgezogen ist und die Sicht nur 100 Meter weit reicht, macht der Luftsportler einen Rückzieher. Es wäre zwar sicher atemberaubend gewesen, wenn der 35-jährige Vorarlberger in 1500 Metern Höhe von einem zweisitzigen Motordrachen abgesprungen und am Gleitschirm vor der Sporthalle gelandet wäre – aber Küng ist eben erfahren genug, um zu wissen, was er wagen kann und was nicht.
"Das Schwierigste für einen Piloten ist immer, die Wetterlage richtig einzuschätzen", sagt Jürgen Häffner, der Veranstalter der Böblinger Thermik-Messe. "Ein Gleitschirmflieger muss dazu bereit sein, seinen Schirm wieder auf dem Rücken den Berg hinunterzutragen, wenn das Wetter nicht stimmt."
Natürlich ist Häffner ein bisschen enttäuscht, dass Mad Mike Küng nicht hat abspringen können - ausgerechnet jetzt, da das Regierungspräsidium in Stuttgart zum ersten Mal eine Genehmigung dafür erteilt hatte. Bei den sieben vorhergehenden Thermik-Messen hatte sich der Veranstalter aus Heilbronn vergebens darum bemüht.
Die mehr als 2000 Flugsportler, die am Samstag in die Sporthalle gekommen sind, wissen, dass die Absage Küngs ihren guten Grund hat und sind kein bisschen böse. Rund 300 von ihnen schauen sich statt der Flugschau im Baumoval in der Halle einen Film über die erste Überquerung des Ärmelkanals am Gleitschirm an, die Küng im Mai im ersten Versuch geschafft hatte.
Doch nicht nur im abgeteilten Vorführraum, in der gesamten Halle drängen sich die Besucher - es sind meist jüngere Leute, viele Familien mit kleinen Kindern. 67 Aussteller und einige Flugschulen hatte Jürgen Häffner für die Thermik-Messe gewonnen. Zu kaufen gibt es allerlei Fluggerät, außerdem Zubehör wie Hängesitze, Helme, Handschuhe, Stiefel und sogar Seilwinden, mit denen die Schirmpiloten auch im Flachland bis auf 150 Meter Höhe starten können.
Die absolute Neuheit ist aber ein fliegendes Auto, das der französische Hersteller Adventure vorführt. Das Pariser Unternehmen hat dazu einem 50-Kubikzentimeter-Gefährt für Menschen ohne Führerschein eine Maschine mit Propeller aufgepropft, wie ihn die Motorschirmflieger schon seit 15 Jahren benutzen. Mit dem 50-Kubik-Motor rollt der Flugsportler auf eine Wiese, wo er den 45-PS-Motor mit dem Propeller anwirft. Dann braucht er etwa 200 Meter Anlauf, bis der Gleitschirm am Heck sich entfaltet und hochzieht, und schon fliegt das kleine Auto. Und was ist, wenn der Motor aussetzt? "Man sucht sich einfach in einem Radius von einem Kilometer einen Landeplatz und setzt ganz sanft auf", versichert Pierre Fritsch. Adventure ist einer der großen Hersteller der 4000 Euro teuren Rucksackpropeller.
Erstaunlicher als dieses Auto ist auf dieser Messe eigentlich, wie viele Fluggeräte sich mittlerweile nicht mehr auf die Thermik verlassen, sondern auf knatternde Motoren. Das stinkt zwar, wird sich mancher Pilot sagen, ist aber viel weniger gefährlich als das Drachen- und Gleitschirmfliegen in den Bergen, wo man aufs Wetter achten muss. "Die Motorschirmflieger möchten gar keine Thermik", sagt Pierre Fritsch. "Am besten sind für sie Windstille und flaches Land."